
Wünsche begleiten uns ein Leben lang. Manche sind klein und alltäglich: Wir wünschen uns einen freien Nachmittag, schönes Wetter für das Wochenende oder endlich eine ruhige Nacht. Andere reichen sehr viel tiefer. Wir wünschen uns Liebe, Gesundheit, Sicherheit, beruflichen Erfolg, finanzielle Freiheit oder eine grundlegende Veränderung unseres Lebens.
Und dann gibt es Wünsche, die wir kaum auszusprechen wagen. Sie erscheinen uns zu groß, zu unrealistisch oder zu weit entfernt von unserem gegenwärtigen Leben.
Doch was ist ein Wunsch eigentlich?
Diese Frage ist interessanter, als sie zunächst klingt. Denn nicht alles, was wir als Wunsch bezeichnen, ist dasselbe. Hinter einem Wunsch können ein Bedürfnis, eine Sehnsucht, eine Hoffnung, eine Erwartung oder bereits ein konkretes Ziel stehen. Manche Wünsche gehören tatsächlich uns. Andere haben wir übernommen, weil Familie, Gesellschaft oder unser Umfeld uns vermittelt haben, dass wir genau das wollen sollten.
Ein Wunsch beschreibt zunächst die Vorstellung eines Zustandes, der anders ist als der gegenwärtige. Zwischen dem, was jetzt ist, und dem, was wir gerne hätten, entsteht eine kleine oder große Lücke.
„Ich wünsche mir Urlaub.“
„Ich wünsche mir eine glückliche Partnerschaft.“
„Ich wünsche mir einen anderen Beruf.“
„Ich wünsche mir mehr Geld.“
„Ich wünsche mir endlich Ruhe.“
Alle diese Sätze beschreiben etwas, das im Augenblick fehlt oder zumindest nicht in dem Maß vorhanden ist, wie wir es gerne hätten.
Das macht einen Wunsch zunächst weder gut noch schlecht. Er ist ein Hinweis. Er kann uns zeigen, was uns fehlt, wonach wir uns sehnen, was wir verändern möchten oder in welche Richtung wir uns entwickeln wollen. Deshalb lohnt sich zunächst die Frage: Was erzählt mir dieser Wunsch über mich?
Manche Wünsche sind uns vollkommen bewusst. Wir können sie benennen und häufig auch erklären. Andere wirken eher im Hintergrund.
Schon Sigmund Freud beschäftigte sich intensiv mit der Bedeutung unbewusster Wünsche. Unabhängig davon, wie man einzelne Aspekte seiner Theorien heute beurteilt, bleibt ein wichtiger Gedanke bestehen: Nicht alle Motive unseres Handelns sind uns jederzeit vollständig bewusst.
Jemand sagt beispielsweise: „Ich wünsche mir eine Führungsposition.“ Doch geht es wirklich um die Tätigkeit und die damit verbundene Verantwortung? Oder um Anerkennung, ein höheres Einkommen, gesellschaftlichen Status oder den Wunsch, endlich ernst genommen zu werden?
Der sichtbare Wunsch und das eigentliche Bedürfnis dahinter müssen nicht identisch sein. Deshalb ist die Frage „Was wünsche ich mir?“ nur der Anfang. Die interessantere Frage lautet häufig: Warum wünsche ich mir das?
Nicht alle Wünsche beziehen sich auf uns selbst. Ein großer Teil unserer Wünsche gehört zum sozialen Miteinander. Wir wünschen anderen Menschen Glück, Gesundheit, Erfolg oder alles Gute.
Geburtstage, Hochzeiten, Weihnachten, bestandene Prüfungen, die Geburt eines Kindes, ein neuer Arbeitsplatz oder ein Umzug sind typische Anlässe dafür. Vor einer wichtigen Prüfung wünschen wir viel Erfolg. Einem kranken Menschen wünschen wir gute Besserung.
Solche Wünsche drücken Anteilnahme und Verbundenheit aus. Im Grunde sagen wir damit: Ich sehe, was gerade in deinem Leben geschieht, und ich hoffe, dass es gut für dich ausgeht. Problematisch wird es erst, wenn aus dem Wunsch für einen anderen Menschen unbemerkt ein Wunsch an diesen Menschen wird.
„Ich wünsche mir nur, dass du glücklich bist.“
Dieser Satz klingt wunderbar. Bis man fragt, wie dieses Glück denn bitte auszusehen hat.
Menschen wünschen anderen häufig etwas aus echter Zuneigung. Trotzdem sind solche Wünsche nicht immer frei von eigenen Vorstellungen und Erwartungen. Eltern wünschen sich, dass ihr erwachsenes Kind eine bestimmte berufliche Entscheidung trifft. Ein Partner wünscht sich, dass der andere sein Verhalten verändert. Eine Freundin möchte, dass ihre Freundin endlich eine Beziehung beendet.
Das Problem liegt nicht in der guten Absicht. Es beginnt dort, wo wir unsere Vorstellung davon, was für einen anderen Menschen richtig ist, mit dessen eigenem Wunsch verwechseln.
Ein entscheidender Unterschied liegt darin, ob der andere Mensch frei bleibt. Ich kann jemandem wünschen, dass er gesund wird. Ich kann einem Menschen Kraft für eine schwierige Entscheidung wünschen. Ich kann hoffen, dass jemand eine Situation gut übersteht.
Etwas anderes geschieht, wenn mein eigenes Wohlbefinden davon abhängig wird, wie dieser Mensch entscheidet. Aus „Ich wünsche dir, dass du einen guten Weg findest“ wird innerlich: „Ich wünsche mir, dass du endlich den Weg gehst, den ich für richtig halte.“
Eine hilfreiche Frage lautet deshalb: Würde ich diesen Wunsch für den anderen Menschen auch dann noch als gut empfinden, wenn seine Entscheidung anders ausfällt, als ich es mir vorgestellt habe?
Nehmen wir einen häufigen Wunsch: „Ich möchte mehr Geld.“
Was bedeutet „mehr“? Und vor allem: Was soll sich dadurch verändern? Vielleicht lautet die eigentliche Antwort: „Ich möchte keine Angst mehr haben, ob das Geld bis zum Monatsende reicht.“ Dann steckt hinter dem Geldwunsch vor allem das Bedürfnis nach Sicherheit.
Eine andere Person sucht Freiheit und Selbstbestimmung. Eine dritte verbindet Geld mit Erfolg, Status oder Anerkennung. Dasselbe sichtbare Ziel kann also vollkommen unterschiedliche innere Gründe haben.
Ein Wunsch ist deshalb häufig eher eine Spur als eine fertige Antwort.
Im Alltag verwenden wir diese Begriffe gerne durcheinander. Trotzdem beschreiben sie unterschiedliche innere Zustände.
Ein Bedürfnis entsteht aus etwas, das für unser körperliches oder psychisches Wohlbefinden bedeutsam ist.
Eine Sehnsucht ist häufig emotional besonders tief. Sie kann diffus sein und muss noch gar kein konkretes Ziel besitzen.
Ein Wunsch gibt dieser Sehnsucht oder einem Bedürfnis bereits eine mögliche Richtung.
Ein Traum darf weit über die gegenwärtige Realität hinausgehen. Er braucht zunächst weder einen Plan noch einen Termin.
Eine Vision gibt einer möglichen Zukunft ein klareres Bild.
Eine Hoffnung richtet sich auf einen erwünschten Ausgang, der häufig nicht vollständig in unserer Kontrolle liegt.
Eine Erwartung geht einen Schritt weiter: Wir rechnen mit einem bestimmten Ergebnis oder halten es für angemessen.
Und ein Ziel entsteht schließlich dann, wenn wir aus einer Vorstellung eine bewusste Absicht machen und beginnen, unser Handeln darauf auszurichten.
Wie groß darf ein Wunsch sein? Menschen unterschätzen erstaunlich oft, was sich innerhalb einiger Jahre verändern kann. Trotzdem gibt es einen Unterschied zwischen einem großen Wunsch und einer Fantasie, deren Erfüllung praktisch vollständig außerhalb unseres Einflusses liegt.
Wer mit 18 Jahren den Führerschein machen möchte, hat ein relativ überschaubares Vorhaben vor sich. Wer sich dagegen eine vollkommen neue berufliche Existenz, finanzielle Unabhängigkeit oder den Aufbau eines Unternehmens wünscht, steht vor einer erheblich größeren Zahl unbekannter Schritte.
Die entscheidende Frage ist deshalb nicht immer: „Kann ich mir vorstellen, das heute zu erreichen?“ Sondern vielleicht: „Was müsste ich lernen, verändern oder aufbauen, damit es irgendwann in meinen Handlungsspielraum kommt?“
Große Wünsche haben ihren Wert. Sie können Orientierung geben, Begeisterung auslösen und uns dazu bringen, über unsere bisherigen Grenzen hinauszudenken. Ein weit entferntes Ziel kann wie ein Leitstern funktionieren.
Aber ein Leitstern ist kein nächster Schritt. Deshalb müssen wir nicht kleiner träumen. Wir müssen lediglich lernen, große Vorstellungen mit kleinen, realisierbaren Schritten zu verbinden.
Vielleicht ist das große Ziel heute noch weit entfernt. Der nächste Schritt sollte es nicht sein.
Es gibt Wünsche, deren Erfüllung nicht allein von unserem Einsatz abhängt. Das gilt besonders dann, wenn andere Menschen beteiligt sind.
Wir können uns wünschen, geliebt zu werden. Wir können aber nicht bestimmen, wer uns liebt. Wir können hoffen, dass jemand unsere Meinung versteht. Wir haben jedoch keinen Anspruch darauf, dass er sie übernimmt.
Das gilt auch für spirituelle Praktiken, Rituale oder Manifestationsmethoden. Sie können helfen, die eigenen Gedanken zu ordnen, Aufmerksamkeit auszurichten und sich über die eigenen Absichten klarer zu werden. Sie geben uns jedoch keine Verfügungsgewalt über einen anderen Menschen.
Auch das ist Wunscharbeit: zu erkennen, wo die eigene Gestaltungsmacht endet.
Nicht alle Wünsche sind freundlich. Das gehört ebenfalls zur menschlichen Wirklichkeit.
Wer verletzt, betrogen, gedemütigt oder ungerecht behandelt wurde, kennt möglicherweise Gedanken wie: „Der soll ruhig einmal erleben, wie sich das anfühlt.“ Manchmal nennen wir das Gerechtigkeit. Manchmal ist es schlicht Rache.
Interessant ist weniger, solche Gedanken sofort moralisch zu verurteilen. Interessanter ist die Frage, was hinter ihnen steckt. Vielleicht wurde eine persönliche Grenze verletzt. Vielleicht fühlen wir uns machtlos. Vielleicht wünschen wir uns Genugtuung. Oder wir möchten schlicht recht behalten.
Der destruktive Wunsch kann damit ebenfalls ein Hinweis sein: nicht unbedingt darauf, was mit dem anderen Menschen geschehen sollte, sondern darauf, was in uns selbst noch nicht verarbeitet ist.
Es gibt noch eine andere Art von Wunsch, die besonders schwer zu erkennen ist: den übernommenen Wunsch.
Wir wachsen mit Vorstellungen davon auf, was ein gutes und erfolgreiches Leben ausmacht: Ausbildung, Karriere, Partnerschaft, Familie, Haus, Reisen, Einkommen, Besitz, Attraktivität und gesellschaftliches Ansehen.
Nichts davon ist grundsätzlich falsch. Aber nicht alles davon muss zu jedem Menschen passen. Manchmal verfolgen wir jahrelang ein Ziel und bemerken erst sehr spät, dass wir vor allem versucht haben, eine Erwartung zu erfüllen.
Deshalb lohnt sich eine unbequeme, aber wertvolle Frage: Würde ich mir dasselbe wünschen, wenn niemand davon erfahren würde?
Nein. Ein erfülltes Leben besteht nicht aus einer möglichst hohen Quote erfüllter Wünsche.
Menschen verändern sich. Unsere Bedürfnisse verändern sich. Lebensumstände verändern sich. Und damit dürfen sich auch unsere Wünsche verändern.
Ein Ziel aufzugeben ist deshalb nicht automatisch Scheitern. Manchmal ist es eine vernünftige Entscheidung. Manchmal erkennen wir, dass der Preis zu hoch wäre. Manchmal stellen wir fest, dass wir eigentlich etwas anderes gesucht haben.
Die Kunst besteht nicht darin, jeden Wunsch durchzusetzen. Sie besteht darin, unterscheiden zu lernen, welcher Wunsch für unser Leben tatsächlich Bedeutung besitzt.
Bevor aus einem Wunsch ein Ziel wird, lohnt sich eine kleine Bestandsaufnahme. Nimm einen Wunsch, der dich schon länger begleitet, und beantworte für dich fünf Fragen:
Vielleicht verändert sich dein Wunsch bereits beim Beantworten dieser Fragen. Das ist kein Problem. Im Gegenteil. Dann hat die Beschäftigung damit bereits etwas bewirkt: Aus einer diffusen Vorstellung entsteht Klarheit.
Wünsche können uns zeigen, was uns fehlt, was uns bewegt und wohin wir uns entwickeln möchten. Sie können Hoffnung geben und Veränderungen anstoßen. Sie können aber auch Erwartungen enthalten, fremde Vorstellungen widerspiegeln oder auf etwas gerichtet sein, das außerhalb unseres Einflusses liegt.
Deshalb ist nicht jeder Wunsch automatisch ein Ziel. Und nicht jeder Wunsch muss erfüllt werden. Entscheidend ist zunächst, ihn zu verstehen.
Was will ich wirklich? Warum will ich es? Was liegt in meiner Hand? Und was bin ich bereit, dafür zu tun?
Wenn du deinen Wunsch verstanden hast, beginnt der nächste Schritt. In Teil II geht es darum, aus einem Wunsch ein konkretes Ziel zu machen und Schritt für Schritt ins Handeln zu kommen.

"Alles steht in einem empfindlichen Gleichgewicht zueinander"